Wann wird Motion Design zum Emotion Design?

Bewegung erweitert die klassischen und weitgehend statischen Gestaltungsformen um eine weitere Dimension: die Zeit. Durch diese zusätzliche Dimension entsteht eine neue Ebene, um Übergänge, Abläufe oder Transformationen sichtbar zu machen. Ein Interface wird verständlicher, wenn Zustandswechsel nachvollziehbar sind. Eine Präsentation gewinnt an Klarheit, wenn Inhalte schrittweise aufgebaut werden. Komplexe Zusammenhänge lassen sich oft leichter erfassen, wenn sie nicht statisch dargestellt werden. Darin liegt die Kernkompetenz des bewegten Bildes.

Durch immer weiter fortschreitende technische Möglichkeiten hat sich Motion Design kontinuierlich von einer gestalterischen Akzentuierung zu einem fast schon festen Bestandteil digitaler Kommunikation entwickelt. Waren früher geringe Übertragungsgeschwindigkeiten der Grund für eine möglichst strikte Komprimierung aller Gestaltungselemente im Bereich der Online-Medien, so herrschen heute geradezu verschwenderische Zustände. Websites, Apps, Präsentationen oder Social Media – überall dort, wo Inhalte vermittelt werden sollen, ist Bewegung schon fast zum Standard geworden. Darüber hinaus vollzieht sich im Bereich der Gestaltungs-Applikationen, auch durch den Einsatz von KI, ein monumentaler Wechsel: Produkte, die vorher nur Experten mit spezieller, teurer Software erstellen konnten, kann nun jedermann für kleines Geld online im Browser selbst gestalten. Diese Entwicklung gibt dem bewegten Bild und neuen Ideen weiteren Raum zur Expansion – doch ist diese Entwicklung immer positiv und zielorientiert?

Wenn Motion Design zum Selbstzweck wird

Ein häufiger Fehler im Motion Design liegt darin, Bewegung um der Bewegung willen einzusetzen. Eine Animation reiht sich an die nächste, ein Effekt überlagert den anderen, und Schriften tanzen so wild über den Bildschirm, dass man sie eigentlich nicht mehr lesen möchte und letztlich nur noch der Effekt bestaunt wird. All das wird nicht eingesetzt, weil es inhaltlich notwendig wäre, sondern einfach, weil man es kann. So entsteht eine Situation, vergleichbar mit den 90er-Jahren, als CorelDraw die „Clipart-Kriege“ durch die fast unbegrenzte Verfügbarkeit von Clipart-Vektorgrafiken ermöglichte. Fast jede Druckerei hatte damals eine Extra-Schublade für die exzessivsten und überfülltesten Druckprodukte (meist selbstproduzierte Speisekarten), über die man sich gern bei einer Tasse Kaffee amüsierte.

Damit man nicht auch in die „Overkill-Falle“ tappt, sollte man – auch wenn all diese großartigen Tools und grenzenlose Möglichkeiten zur Verfügung stehen – die Grundsätze nie aus den Augen verlieren. Gute Gestaltung sollte immer auf das Wesentliche reduziert sein. Gestaltung hat immer eine Funktion. Und jede Funktion muss ein „Warum“ in sich tragen, weil dieses „Warum“ die Botschaft klar übermittelt. Wenn man diese Erkenntnisse auf die Gestaltung eines Films oder einer Animation anwendet, sollte jede Bewegung, jeder Ton, jeder Schnitt und jeder Effekt nach dem „Warum“ hinterfragt werden, damit Redundantes und Ablenkendes ausgeschlossen werden kann. So entstehen Produkte, die nicht nur den Inhalt eindeutig vermitteln – es entstehen klassische Produkte ohne „Mode-Effekte“, die alles in sich tragen, um zeitlos funktionieren zu können.

Wie wird der bewegte Inhalt zum bewegenden Inhalt?

Natürlich soll Motion Design – sei es ein Imagefilm, eine Animation oder ein Trailer – unterhaltsam sein und nicht den Charme einer Schulfernseh-Sendung aus den 70er-Jahren vermitteln (es sei denn, Sie behandeln Schlafstörungen). Seien Sie mutig und erzählen Sie eine echte Geschichte. Denken Sie sich etwas aus, das andere Menschen interessieren und bewegen könnte. Lassen Sie Ihre Ideen und Bilder wirken und geben Sie ihnen Raum und Zeit. Wenn Sie dann noch Ihr Ego und ein paar Effekte zur Seite stellen, entsteht Kommunikation, die von innen kommt und zum Emotion Design wird.

Weiterführende Informationen:
nngroup, material design, Smashing magazine

Foto von hannah cauhepe auf Unsplash